Grand Palais

Les Environs (le voisin ou son stupide chien)19.10.–16.11.2019

A group exhibition that explores the notion of neighborhood as a relationship between proximity and distance amongst people, objects and spaces. With contributions by: Johanna Kotlaris, Chrystèle Nicot, Joëlle Flumet, Shani Ha, Daniel Seiple, Michael Blaser, Kathrin Siegrist & Felipe Castelblanco and Olivia Abächerli

Opening: 18.10.2019, 6.30–10 pm, with a performance by Johanna Kotlaris

Workshop with Kathrin Siegrist & Felipe Castelblanco: 05.11.2019, 5.30–8.30 pm

Exhibition: 19.10.–16.11.2019

Curated by: Deborah Müller, Etienne Wismer and Mathias Kobel

Les Environs umfasst das gesamte Spektrum an tatsächlichen und möglichen Interaktionen zwischen Individuen, die zusammenleben oder in nächster Nähe zueinander (l’environ). Gleichzeitig sind auch die nuancierten Beziehungen zwischen Menschen und den sie umgebenden Dingen, wie etwa Müllsäcke, oder zwischen Menschen und den von ihnen geteilten Räumen, wie beispielsweise der gemeinsame Vorgarten, mitgemeint. Das Beziehungsgefüge, das sich daraus ergibt, ist eines, das nicht einfach zu greifen ist und dem man sich womöglich ausschliesslich im Vagen, Hypothetischen annähern kann (environ). Mit dem Titel «Les Environs» ist damit die ungefähre Umgebung, das Quartier, die Strasse, und das Mehrfamilienhaus als Daheim und Zuhause angesprochen, oder in den Worten Georges Perecs: die Parzellierung der Rue Simon-Crubelier, die Katze Poker Dice und gleichzeitig das Gefühl schlechter, allmächtiger, allgegenwärtiger Überschwänglichkeit. Die Ausstellung fokussiert auf die Nachbarin oder ihren stupiden Hund und hüpft zwischen verschiedenen Perspektiven, Emotionen und Intentionen hin und her. Les Environs (le voisin ou son stupide chien) thematisiert die Komplexität zwischenmenschlicher und dingbezogener Beziehungen im Übergang von Aspekten wie Nähe und Distanz, privatem und öffentlichem Raum, Mit- und Gegeneinander, ebenso wie das Nichtvorhandensein solcher Verhältnisse.

Die von Daniel Seiple (*1979, lebt in Berlin) im Kastanienhof errichtete Plakatwand zitiert die Spannung einer nachbarschaftlichen Beziehung und überführt ein zwischen Ackerfeldern ausgetragener Streit in den städtischen Raum: Ein Bauer in den USA wirft einen grossen Haufen Hühnermist auf ein Feld in unmittelbarer Nähe des Predigerhauses. Als Reaktion darauf schreibt die Frau des Predigers auf ein weisses Brett, das in ihrem Garten steht: «Lester, bitte entferne deinen Hühnerkot! Er riecht schlecht und zieht Fliegen an.» Lester Miller, der Besitzer des Feldes, entfernt den Misthaufen zwar, lässt aber ebenso ein grosses Billboard aufstellen, das die mahnende Notiz trägt: «Preacher: ‚Love Thy Neighbor’. Lester Miller». Während Love Thy Neighbor (2008) in Millers Kontext einen cleveren Schachzug darstellt, kann die durch den Künstler vorgenommene Dekontextualisierung und Übertragung der skizzierten ‚Billboard-Politik‘ in den Kunstkontext als Weiterführung und ironischer Kommentar auf die im öffentlichen Raum angebrachten Christus-Plakate verstanden werden, die im Namen eines Gottessohnes Nächstenliebe propagieren und persönliche Bekenntnisse wie etwa den Glauben zur res publica erheben möchten.

Empathicity (2015) werden die schwarzen Lederkissen von  Shani Ha (*1987, lebt in Brooklyn und Paris) genannt. Sie fungieren als Katalysatoren für soziale Interaktionen im urbanen Raum und stehen für das Versprechen eines humaneren, empathischeren Stadtraumes. In ihrer Montage und Anordnung provozieren die weichen, plastischen Formen eine aktive Aneignung öffentlicher Räume im Widerstand gegen jede normative Raumgestaltung, die unser Verhalten zu kalkulieren und unsere Reaktionsfähigkeit zu mildern versucht. Die Künstlerin bringt damit Nachgiebigkeit in den Aussen- und Innenraum des Grand Palais, um feindliche architektonische Elemente in einladende, verwandte Orte zu verwandeln. Als Bindeglied zwischen Körper und Architektur wird diese ‘Invasion von Empathie’ zu einem symbolischen Eingriff, der als Experiment für eine positive, aktive und fürsorgliche Methode verstanden werden kann, um geteilte Räume ‘aufzuweichen’.

Das gerahmte und mit Zensurstreifen versehene amtliche Dokument im kleinen Rahmen ist Zeuge von dem im öffentlichen Raum vorhandenen Konfliktpotenzial: Am 6. Oktober 2017 stellte eine in Zürich lebende Person nicht verschnürtes Altpapier zur Abholung bereit. Sie tat dies zu einem Zeitpunkt, an dem keine «Wertstoffe» dieser Art hätten bereitgestellt werden dürfen. Die Stadt Zürich sah sich aus diesem Grunde veranlasst, eine Übertretungsanzeige mit Busse an die Adresse jener Person zu senden, deren Namen auf einem der deponierten Papierstücke aufgeführt war. Joëlle Flumet (*1971, lebt in Zürich) führt die eigentlich kurzweilige Lebensdauer des Dokuments durch Übertragung in die Kunst fort und wirft damit die Frage auf, welchen (juristischen und konventionellen) Regeln der Raum direkt vor der eigenen Haustür unterworfen ist. Während sich die Künstlerin in der Arbeit Übertretungsanzeige (2017) einem Szenario des öffentlichen Raumes widmete, thematisiert sie in der grossformatigen Zeichnung Untitled (Fauteuil) (2010) den privaten Raum der eigenen vier Wände. Der Fokus liegt hier auf einer im Wohnzimmer kontemplierenden Frau mit Schlafmaske und stellt die eigenartige Weltlosigkeit der Dargestellten in ihrem bürgerlichen Interieur zur Schau. Es wirkt fast so, als hätte sie das sich im Hintergrund andeutende Ausserhalb vergessen.

Johanna Kotlaris (*1988, lebt in Zürich und Berlin) beschäftigt sich mit dem Terrain vague, das sich zwischen dem ‘Ich’ und dem ‘Du’ als zwei unterschiedliche Bezugspunkte von Weltwahrnehmung befindet. Ihre Serie The Distance Between (2018) besteht aus zwischen Glasplatten eingespannten Texten, die nur durch Gummibänder zusammengehalten werden und damit das Prekäre dieser Beziehung unterstreichen. Die durch die Listenform der Sätze verfolgte, repetitive Formel lässt im Leseprozess teilweise ein poetisches Potenzial aufblitzen, das aber gleich wieder entgleitet, sobald man sich darauf konzentriert: Das Romantische pflegt hier eine Liaison mit dem Politischen. Gesellschaftskritisch und mit einem gleichzeitigen Augenzwinkern bilden die vorgeschlagenen Beziehungsverhältnisse Denk- und Wahrnehmungsübungen um über den eigenen Standpunkt in der Welt und in Beziehung zu den umgebenden (materiellen wie immateriellen) Dingen oder (reellen wie virtuellen) Beziehungen nachzudenken. Wer bin ich, wo bist du und wie zusammenleben?

Die ortsspezifische Wandzeichnung mit dem Titel welcome to parasites (2019) von Olivia Abächerli (*1992, lebt in Berlin) folgt mit den feinen Linien, Rasterungen und Schraffuren der Idee einer Landkarte. Die massgebenden Parameter wären hier aber nicht das Abstrakte und das Lokalisierbare, sondern das Absurde, das Persönliche, das Prekäre oder das Politische. Durch die fragilen Linien und parasitär aufeinander bezogenen Formen stellt das gezeichnete Gefüge als eine Art ‘mental map’ dar. Könnte dies der Entwurf eines (künftigen) Paradieses sein, oder ist vielleicht eher der Albtraum eines globalen Chaos, in dem die wechselseitigen Abhängigkeiten zu komplex sind, um sie nachzuzeichnen oder überhaupt verstehen zu können?

Michael Blaser (*1979, lebt in Bern) zeigt im Aussenraum mit seiner Videoarbeit Möwen (2019) und der mit Raumordnung (2016) betitelten fotografischen Serie im Innenraum Bilder von Siedlungen aus dem Mittelland. Durch die formale Strenge und den jeweils aus derselben Distanz aufgenommenen Ausschnitte erzeugt der Künstler den Eindruck von Collagen. Tatsächlich handelt es sich um vom Künstler vorgefundene Architekturen. Ihre einzelnen baulichen Elemente verweigern sich jedoch einer Einordnung in ein Gesamtgefüge und verpassen damit die Chance, bereichernde Verbindungen mit anderen Elementen einzugehen: Das Holzchalet steht unmittelbar neben der Hochbausiedlung und der Gartenzaun scheint mehr als nur die Grenze der Parzelle zu markieren. Gleichzeitig lässt sich das postmoderne Potpourri auch als Ausdruck einer Gestaltungsfreiheit verstehen, in der Menschen ihr Zuhause nach persönlichem gusto bauen dürfen und das Diktum der Homogenität zugunsten einer (ästhetischen) Pluralität verabschiedet wurde.

In ihrem Video Commodore Drive (2014) inszeniert Chrystèle Nicot (*1989, lebt in Paris) eine Mikro-Fiktion, die einen Konflikt an der Schwelle zur glamourösen Welt Hollywoods aus der Perspektive einer voyeuristischen Nachbarin zeigt. Aus der sicheren Distanz der gegenüberliegenden Strassenseite lässt sich am besten darüber spekulieren, was den Nachbarn und seinen deponierten Müll suspekt erscheinen lässt. Die Banalität und Durchschnittlichkeit der weissen Reihenhäuser nordamerikanischer Vorstädte weist darauf hin, dass die Paranoia eine universelle ist und ganz unabhängig von Reichtum oder Wohlstand ausbricht.

Scales of the Urban ist eine Stadtexpedition entwickelt von Kathrin Siegrist (*1984, lebt in Basel) &  Felipe Castelblanco (*1985, lebt in Basel, Berlin und Bogotà) mit dem Ziel, nichtmenschliche Lebensformen der Stadtlandschaft zu dokumentieren. Die Kunstschaffenden versuchen dabei eine öko-soziale Perspektive einzunehmen und konzentrieren sich auf Bäume als vergessene Zeugen der Stadtentwicklung sowie als eine Art vorstädtische Architektur, die als Unterkunft für nichtmenschliche Bewohnerinnen der Stadt dient.

Text: Deborah Müller, Etienne Wismer und Mathias Kobel

 

 

 

 

Credits: © Grand Palais/Sabrina Gruhne 2019.