Grand Palais

Michael Meier & Christoph Franz – Die hilfreiche Hand15.06.–07.07.2019

 

Der Stadtteil Kirchenfeld-Schosshalde, an dessen westlichem Eingang der Grand Palais liegt, weist gemäss einem Bericht zur sozialräumlichen Stadtentwicklung aus dem Jahr 2012 die tiefste Armutsquote sowie die höchste Einkommens- und Vermögenssituation der gesamten Berner Stadtfläche auf. Er beherbergt überdurchschnittlich viele Schweizer Familien und Menschen mit hohen steuerbaren Haushaltseinkommen. Zahlreiche Institutionen, besonders aus dem Kulturbereich, haben sich hier angesiedelt.

Dieser Stadtteil hat sich bereits in den 1910er-Jahren als teuerstes Wohnquartier der Stadt Bern etabliert. Rigorose Bau- und Nutzungsvorschriften sollten sicherstellen, dass das neu eingezonte Kirchenfeldquartier wohlhabenderen Schichten vorbehalten bleibt. Es durfte kein „Fabrik- und Mietkasernen-Quartier“ wie etwa in der Lorraine entstehen. Insofern ist es bezeichnend, dass das einzige umfangreiche Industriegebäude samt Hochkamin, das im Kirchenfeld gebaut wurde, eine Geldfabrik ist – die eidgenössische Münzstätte.

Der ursprüngliche Anlass für die Bebauung des Kirchenfelds war simpel: Seit Jahrhunderten wuchs die Stadt fast ausschliesslich in Richtung Westen. Irgendwann wäre das historische Stadtzentrum so zur Peripherie geworden. Doch bevor die Kartoffeläcker im Norden und Süden in Bauland verwandelt werden konnten, musste das Gebiet mithilfe von teuren Hochbrücken erschlossen werden.

„[N]amens einer Gruppe englischer Kapitalisten“ die unter dem Namen „Berne-Land-Company“ auftrat, erklärte sich der Londoner Geschäftsmann Philip Vanderbyl bereit, die Kirchenfeldbrücke gratis zu erstellen – sofern ihm das rund 80 Hektaren grosse Gebiet zum Vorzugspreis von 425‘000 Franken (53 Rappen pro Quadratmeter) überlassen werde. Dieses grossangelegte Spekulationsprojekt sah vor, das Land nach Erschliessung und Bebauung wieder zu verkaufen.

Die Burgergemeinde Bern, Besitzerin des Bodens, willigte ein. Bis heute ist sie eine der grössten Schweizer Waldbesitzerinnen und Berner Baulandbesitzerinnen. Durch die Transformation von landwirtschaftlich genutzten Flächen in Bauland rund um die Stadt generierte sie in Form von Landverkäufen, Mieteinnahmen und Baurechtszinsen beträchtliche Einnahmen und war deshalb besonders im späten 19. Jahrhundert in ihrer Existenz umstritten. In einer Abstimmung über die Kantonsverfassung im Jahr 1885 entging die Burgergemeinde Bern nur knapp ihrem Ende. Dies obwohl der Kleine Burgerrat, das legislative Gremium der Burgergemeinde, schon 1864 eine Rechtfertigung für die eigene Existenz fand. Als „hülfreiche Hand“ liess die Burgergemeinde Bern Teile ihres Gewinns der Öffentlichkeit zugutekommen, etwa durch die Unterstützung von Forschung, Bildung und Kultur.

Michael Meier und Christoph Franz’ Installation „Die hilfreiche Hand“ besteht aus Treibstoff, Generator und Neonschild. Ersterer misst 15 Liter und besteht grösstenteils aus Berner Kartoffelethanol.

Dank an: Alfred Schwab, Brennerei Schwab, Oberwil bei Büren, BE